300er ARA Brevet Hamburg

WHAT?! Schon wieder? Ja, ich bin schon wieder Langstrecke gefahren. Noch länger. 309 km um genau zu sein. Am Stück. An einem Tag. Und das war Absicht.  

Radfahrern und Amnesie scheinen, zumindest bei langen Strecken nah bei einander zu liegen, denn meine 200k-Fahrt scheint noch gar nicht lange her zu sein, schon bin ich wieder für einen brevet angemeldet.  Diesmal sollten es 300 km werden und diese starteten mit dem obligatorischen Nudelfutterm mit Timon und Simon und einer mittelmäßigen Wettervorhersage. Aber nachdem es die gesamte Woche über geregnet hatte und sogar Schnee gefallen war, der liegen blieb, konnte es nur besser werden, denn es waren tatsächlich zweistellige Temperaturen angesagt. WOW! 10 Grad. Es sollte also WARM werden. *ironie* 

Angesagt waren also maximal 10 Grad und Bewölkung bis Regen. Simon wollte sein "Ölzeug" einpacken und tatsächlich eine Regenhose einpacken. Ich kam ins Grübeln, wie das Wetter wohl morgen werden sollte und Timon sagte, dass er bei Regen nicht startet. Ideale Voraussetzungen. Immerhin war wenig Wind angesagt und mit Glück sollte diese sich über den Tag mit uns mit drehen. Wir verspeisten unsere Nudeln und gingen mit gemischten Gefühlen ins Bett. Nachdem wir zu dritt 2 und eine 2/3 Flasche Wein geleert hatten. 


5:00 Aufstehen. Zu früh.  

Beinahe schon routiniertes Programm. Kaffee. Brötchen schmieren. Letzte Sachen einpacken. Rad unter den Arm geklemmt und husch mit mit dem Auto nach Rothenburgsort. Nervosität überkommt mich. Wie wird die Runde werden? Was macht das Wetter? Wie windig wird es? Was will ich essen? Wann sind wir endlich da? Hab ich einen Platten? Wie lange kann ich sitzen? Was packe ich alles aus Rad? Was haben die denn alle in Rucksäcken drin?

Und noch einige andere Fragen geisterten mir durch den Kopf, doch sobald wir am Start standen, hatte ich Lust auf die Runde. Es war nicht so kalt wie ich dachte morgens und ich hatte mich doch spontan noch für Regenjacke und warme Handschuhe entschieden. Eine Windjacke hatte ich schon an. Eine Regenjacke noch in die Trikottasche gesteckt. 

Es ging also los. Ich kannte die ersten Kilometer aus dem FF. Ging es doch am Deich entlang und dann über Stemwarde weiter nach Osten. Die ersten Kilometer liefen flüssig, es fand sich eine Gruppe aus 8 Fahrern und Fahrerinnen und das Tempo war entspannt aber zügig. Bis zur ersten Kontrolle sollten es 70 Kilometer  sein und es kam tatsächlich die Sonne raus. Und sie schien! Die ganze Zeit! Super!

1. Kontrolle. Berkenthin. KM 71. 

Oil-Tankstelle mit Sonne. Wir gönnen uns eine kleine Pause. Ich esse meine beiden gekochten Eier und eine Kabanossi. Und schon geht es auch schon weiter. Über Utecht geht es Richtung Nordosten weiter die nächste Kontrolle ist gar nicht weit. Wir sind weiterhin zu acht und es läuft sehr gut. Alle Mitfahrer scheinen immernoch überrascht, dass die Sonne scheint, es ist wie Frühling! Mit blühendem Raps. 

2. Kontrolle. Rehna. KM 109. 

Auch bis Rehna läuft es weiterhin gut und es ist so unglaublich schön draußen. Die Sonne wird unterbrochen von der einen oder anderen Wolke aber es ist weiterhin beinahe warm und es rollt gut, auch wenn immer wieder etwas miese Strassenbeläge und Kopfsteinpflaster müde machen. Ich hatte mir vorher das "Höhenprofil" nicht angesehen und nun merkte ich, dass mich die immer wieder kleinen und großen Hügel in Mecklenburg und Schleswig-Holstein einige Körner kosteten. Aber auch Simon und Timon strampelten die Hügel hoch und so freuten wir uns zusammen über die kleinen Abfahrten auf der Rückseite der Hügel. Nach weiteren 30 Kilometern kam schon die nächste Kontrolle. 

3. Kontrolle. Kittlitz. KM 132. 

An der dritten Kontrolle gab es leckeren Kuchen im Dielencafe zu dem wir die Abbiegung fast verpassten. Im Augenwinkel sah ich noch das Schild "Dielencafe" nach links weisen, aber als ich mich orientiert hatte und auf den Garmin geguckt hatte, waren wir schon vorbei gerollt. Also zurück. Ja, der Garmin hat Abbiegehinweise, das ständige Gebimmel macht mich aber irre. Das hab ich ausgemacht. Das hatten wir nun davon. Belohnt wurden wir mit leckerstem Kuchen und einem Platz in der Sonne! Wir genossen die Sonne und machten uns zügig wieder auf den Weg, denn bei der nächsten Kontrolle wollten wir Mittagspause machen und die Etappe war auch nicht so lang. 

 4. Kontrolle. Büchen. KM 168. 

yes! Halbzeit war durch. Wir hatten weniger vor uns als wir schon hinter uns hatten. Und nun war erstmal Mittag. Wir hatten uns vorher einen Asia-Imbiss ausgeguckt, der uns zwar etwas zuessen gab, aber des Hauses verwies. Es war schließlich Mittagspause. Wir sollten woanders sitzen. Ernsthaft?!?! 

Und so zogen wir kurzentschlossen ums Ecke zum Bäcker und sonnten uns auf dem Penny-KIK-Parkplatz. Randonneurs-Romantik. 

Gut gestärkt machten wir uns wieder auf den Weg. Es folgt ein längeres Stück. Geradewegs nach Südwesten über Lauenburg über die Elbe und bis in die Nordheide. Die Kilometer zogen sich. Südlich der Elbe würde es ganz flach. Und sie Strecke ganz gerade. Die Kilometer zogen sich noch mehr. Bei Kilometer 200 mussten wir absteigen. Wir waren bis zum Schiffshebewerk in Scharnebeck gekommen und die beiden Männer mussten sich mal kurz hinlegen. Kurz alles entspannen. Einmal liegen. Wunderbar. Ich genoss die Entspannung und so waren es "nur" noch 36 km bis zu nächsten Kontrolle. 

5. Kontrolle. Amelinghausen. KM 236. 

Ich as einen Riegel. Simon hatte einen Espresso. Timon ein Eis. So saßen wir da. In der Shell in Amelinghausen nach 236 km. 

Ich war gerade weiter gefahren als alle anderen Strecken dieses Jahr. Krass. 

Aber es war noch weit.  Das wird mir dann irgendwie auch bewusst. Auf der Strecke war mein Kopf leer. Ich dachte an den letzten brevet hier vor einigen Jahren auf einer ähnlichen Strecke und musste mit Simon lachen, weil wir hier vor einiger Zeit zufällig auf einer Wiese wieder als Gruppe zusammenfanden, nachdem wir alle mehr oder minder alleine unterwegs waren. Eine fabelhafte Szenerie. Jan saß auf der Wiese, Simon flickte seinen Reifen, noch jemand stand am Rand. Jan ging fürs Geschäft ins Gebüsch. Timon rollte von hinten an die Wiese heran und wir waren wieder alle zusammen. Es erschien mir wie im Traum. Von Amelinghausen ging es wieder nach Norden. Durch die schöne Nordheide. Durch Kiefernwälder, ich hatte nicht mehr so große Lust. Aber aus Ermangelung von Optionen fuhr ich weiter. Ich warf einen prüfenden Blick zum Himmel. Unglaublich. Es war immernoch trocken. Das Finish war greifbar und das Wetter war immernoch gut! In Geesthacht fuhren wir wieder über die Elbe und es wurde langsam dunkel. Ich machte den Tannenbaum an (O-Ton Simon zu meiner Blinkbeleuchtung) und wir führen weiter gen Altengamme. Der Himmel brannte und über Hamburg war der spektakulärste Sonnenuntergang überhaupt! Timon war einige Minuten hinter uns und wir waren sehr gut unterwegs und in der Zeit. 

6. Kontrolle. Altengamme. KM 288. 

Nun war es nicht mehr weit. Kurz ins Fährhaus rein. Stempel. Timon war auch schon da und wir fuhren zu fünft weiter. 

Nicht mehr weit?!?! Denkste. Noch immer 27 km. Mit Sicherheit die längsten. Es wurde dunkel. Und ich blickte auf die Straße. Die war nass. Hier hatte es geregnet. Wir hatten den ganzen Tag Sonne oder leichte Bewölkung. Wie toll was das denn?! 

Die letzten km waren ein Heimspiel aber auch irgendwie nervig. Fahren konnte ich noch ganz gut, aber ich hatte einfach keine Lust mehr. War nun auch egal....weiterfahren. 

7. Kontrolle. Rothenburgsort. KM 315. 

(Mein Garmin sagte 309.)

Touchdown. Vorm Restaurant Chaplin begrüßte uns Claus Czycholl mit einem High-Five, einem Wangetätscheln und den Worten: "Meeensch du siehst aber noch frisch aus". Schlagartig ging es mir gut. Ich war happy. Claus und Hanno freuten sich mindestens genauso, das wir im Ziel waren wie wir. Ein toller Empfang!

Schnell die Karte abgegeben und nach Hause. 

GEFINISHED. In 13 Stunden. Brutto 16,5. 


Auch wenn ich schon mehrfach diese langen Strecken gefahrenen bin, so sind die Erlebnisse doch immer wieder andere. Am Ende überwiegt der Stolz die Strecke geschafft zu haben und die Erkenntnis, dass es nicht länger hätte sein müssen....

Vielen Dank an meinen Mitfahrer Timon! Wir kämpfen uns da immer durch! 

Und vielen Dank an Simon, dich bringt auch nix aus der Ruhe....

Und vielen Dank an all die anderen Weggefährten! Es war eine gute Zeit!


Ein ganz besonderer Dank geht an Hanno und Claus! Vielen Dank für eure Orga! Schön, dass es dir wieder besser geht, Hanno! Und ganz super, dass es auch in 2016 Brevets in Hamburg gibt! Ihr seid super!!!


Aber nun muss ich ein bisschen die Beine hochlegen.....


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